Stell dir vor, du stehst morgens auf, fährst zur Arbeit, arbeitest acht Stunden, fährst nach Hause. Fünf Tage die Woche. Elf Monate im Jahr. Fünfundvierzig Jahre lang. Am Ende dieses Arbeitslebens hat der Staat dir anderthalb Millionen Euro genommen. Und du hast es nicht einmal gemerkt.
Das ist keine Polemik. Das ist Mathematik.
Die sichtbare Hälfte
Nehmen wir einen Normalverdiener. 45.000 Euro brutto im Jahr. Das ist kein Gutverdiener, kein Manager, kein Spezialist. Das ist die Mitte der Gesellschaft. Das ist die Krankenschwester mit Zulagen, der Handwerksmeister, der Sachbearbeiter mit zehn Jahren Berufserfahrung.
Von diesen 45.000 Euro gehen ab:
Lohnsteuer. Solidaritätszuschlag. Kirchensteuer, falls du einer Kirche angehörst, und falls nicht, hast du das Glück, wenigstens diese Abgabe zu sparen, nachdem du dich durch das Austrittsverfahren gekämpft hast, das der Staat absichtlich unbequem gestaltet hat, weil die Kirchen seine Verbündeten sind. Rentenversicherung. Krankenversicherung. Pflegeversicherung. Arbeitslosenversicherung.
Zusammen: etwa 35 Prozent deines Bruttogehalts. 15.750 Euro. Jeden Monat siehst du auf deiner Abrechnung, wie dein Gehalt schrumpft, bevor es auf deinem Konto ankommt. Das ist der Teil, den du siehst. Der Teil, den du nicht siehst, ist grösser.
Der unsichtbare Anteil
Dein Arbeitgeber zahlt für dich. Nicht aus Grosszügigkeit, sondern weil der Staat es verlangt. Für jeden Euro Rentenversicherung, den du zahlst, zahlt dein Arbeitgeber einen Euro dazu. Dasselbe bei Krankenversicherung, Pflegeversicherung, Arbeitslosenversicherung. Dazu kommen Unfallversicherung und Umlagen, die du auf keiner Abrechnung findest.
Dieser Arbeitgeberanteil liegt bei etwa 20 Prozent deines Bruttogehalts. 9.000 Euro im Jahr, die du verdient hast, die deine Arbeitsleistung wert ist, die dein Arbeitgeber für dich an den Staat überweist, ohne dass du es merkst. Auf deiner Gehaltsabrechnung steht dieser Betrag nicht. In deinem Arbeitsvertrag steht er nicht. Er existiert in einer Parallelwelt zwischen deinem Arbeitgeber und dem Staat, und du bist der Einzige, der nicht eingeladen ist.
Rechne zusammen: 35 Prozent sichtbare Abgaben plus 20 Prozent unsichtbarer Arbeitgeberanteil. Das sind 55 Prozent. Mehr als die Hälfte. Nicht vom Gewinn eines Unternehmers. Vom Gehalt eines normalen Menschen.
Über 45 Arbeitsjahre, bei einem Durchschnittsgehalt von 45.000 Euro: etwa 1.100.000 Euro. Eine Million einhunderttausend Euro. Geld, das du erarbeitet hast. Geld, das du nie gesehen hast.
Aber die Rechnung ist noch nicht fertig.
Die zweite Abschöpfung
Was dir bleibt, sind etwa 24.000 Euro netto im Jahr. 2.000 Euro im Monat. Davon lebst du. Davon zahlst du Miete, kaufst Essen, tankst dein Auto, kleidest dich, heizt deine Wohnung. Und bei jedem einzelnen dieser Vorgänge kassiert der Staat mit.
19 Prozent Mehrwertsteuer. Auf fast alles, was du kaufst. Auf Kleidung, Elektronik, Möbel, Dienstleistungen. Auf das Essen im Restaurant. Auf die Handwerkerrechnung. 19 Prozent, jedes Mal, überall.
Aber die Mehrwertsteuer ist nur die offensichtlichste Verbrauchssteuer. Es gibt Dutzende weitere, die in den Preisen versteckt sind.
Mineralölsteuer: 65 Cent pro Liter Benzin. Dazu kommt Mehrwertsteuer auf die Mineralölsteuer. Du zahlst Steuer auf die Steuer. Lies den Satz nochmal. Du zahlst Steuer auf die Steuer. Das ist keine Satire, das ist deutsches Steuerrecht.
Stromsteuer: 2,05 Cent pro Kilowattstunde. Dazu die EEG-Umlage, die offiziell keine Steuer ist, sich aber wie eine anfühlt. Dazu Konzessionsabgabe. Dazu Netzentgelte. Am Ende besteht deine Stromrechnung zu mehr als der Hälfte aus staatlichen Abgaben und regulierten Umlagen.
Tabaksteuer: Wer raucht, zahlt pro Schachtel mehr Steuer als Tabak. Kaffeesteuer: 2,19 Euro pro Kilo Röstkaffee. Versicherungssteuer: 19 Prozent auf jede Versicherungsprämie. Grundsteuer: Jedes Jahr, solange du eine Immobilie besitzt, und auch wenn du nur Mieter bist, denn der Vermieter legt die Grundsteuer auf dich um. KFZ-Steuer. Hundesteuer. Zweitwohnungssteuer.
Konservativ geschätzt, und konservativ heisst hier: eher zu niedrig als zu hoch, gehen 30 bis 40 Prozent deines Nettoeinkommens über Verbrauchssteuern zurück an den Staat. Von deinen 24.000 Euro netto pro Jahr sind das 7.200 bis 9.600 Euro.
Und hier wird es bitter. Denn während du bei jedem Einkauf, bei jeder Tankfüllung, bei jeder Stromrechnung an den Staat zahlst, gibt es Menschen in diesem Land, die das nicht tun. Nicht weil sie befreit wären, sondern weil der Staat für sie zahlt. Bürgergeld-Empfänger bekommen Miete, Heizung, Krankenversicherung, GEZ-Befreiung. Sie zahlen dieselbe Mehrwertsteuer wie du, aber sie zahlen sie mit Geld, das der Staat ihnen gibt, mit deinem Geld.
Das ist kein Argument gegen Sozialhilfe. Eine Gesellschaft, die ihre Schwächsten fallen lässt, verdient den Namen nicht. Aber es ist ein Argument gegen ein System, das den Arbeitenden bestraft und den Nicht-Arbeitenden belohnt. Ein System, in dem der Abstand zwischen dem Netto eines Geringverdieners und dem Bürgergeld so klein ist, dass die Frage erlaubt sein muss: Warum sollte jemand für 1.800 Euro netto arbeiten gehen, wenn er für 0 Euro Arbeit 1.400 Euro plus Miete plus Heizung plus Versicherung bekommt? Die Antwort, die der Staat gibt, ist: Würde. Eigenverantwortung. Teilhabe. Die Antwort, die die Realität gibt, ist: Weil du dumm genug bist, es zu tun.
Über 45 Jahre: 324.000 bis 432.000 Euro an Verbrauchssteuern. Nochmal fast eine halbe Million. Obendrauf.
Die Gesamtrechnung
Direkte Abgaben über ein Arbeitsleben: 1.100.000 Euro. Verbrauchssteuern über ein Arbeitsleben: 400.000 Euro. Gesamt: anderthalb Millionen Euro. Mindestens.
Für einen Normalverdiener. Für jemanden, der 45.000 Euro im Jahr verdient und nie eine Gehaltserhöhung bekommt, was unrealistisch ist, aber die Rechnung einfach hält. In der Realität, mit Gehaltserhöhungen und Inflation, liegt die Zahl höher.
Stell dir vor, was du mit anderthalb Millionen Euro machen könntest. Ein Haus kaufen. Die Ausbildung deiner Kinder finanzieren. Für das Alter vorsorgen, richtig vorsorgen, nicht auf eine staatliche Rente hoffen, die bei Auszahlung weniger wert sein wird als bei Einzahlung. Du könntest ein Unternehmen gründen. Du könntest investieren. Du könntest deinen Eltern helfen, ohne beim Amt zu betteln.
Du könntest frei sein.
Stattdessen gibst du das Geld einem System, das dir am Ende eine Rente zahlt, von der du nicht leben kannst, und dir gleichzeitig erklärt, du hättest privat vorsorgen sollen. Mit welchem Geld? Das Geld hat der Staat.
Wer mehr verdient, zahlt mehr. Ein Gutverdiener mit 75.000 Euro brutto trifft den Grenzsteuersatz von 42 Prozent. Dazu dieselben Sozialabgaben bis zur Beitragsbemessungsgrenze. Dazu dieselben Verbrauchssteuern, tendenziell höher, weil mehr Konsum. Über ein Arbeitsleben: zweieinhalb bis drei Millionen Euro.
Und wer richtig gut verdient? Wer den Spitzensteuersatz von 45 Prozent zahlt? Bei dem wird jeder zusätzlich verdiente Euro zu fast drei Vierteln abgeschöpft, wenn man Einkommensteuer, Sozialabgaben und Verbrauchssteuern zusammenrechnet. Drei von vier Euro. Für den Staat.
… Weiter im Buch.