Die Werkzeuge, mit denen sich ein Mensch übertragen liesse, entstehen längst. Das Erbgut ist vollständig gelesen, Gehirne werden kartiert, künstliche Systeme bilden Stimme, Stil und Erinnerung nach. Die übliche Frage lautet: Können wir auf diesem Weg unsterblich werden? Dieses Buch stellt eine andere, die bisher kaum jemand gestellt hat.

Es fragt nicht, ob sich ein Mensch übertragen lässt, sondern was geschieht, wenn man es versucht.

Die Fragen dieses Buches

Der Mensch ist nicht ein Muster, sondern viele

Die zentrale Einsicht: Der Mensch besteht aus vielen Mustern, in Schichten verschränkt, vom Denken über das Fühlen und den Körper bis zu der Weise, überhaupt da zu sein. Was wir für unseren Kern halten, liegt am tiefsten und entzieht sich am gründlichsten. Denn was lebt, ist nicht die gespeicherte Information, sondern ihr lebendiger Vollzug.

Ein neues Grundrecht: Musterautonomie

Daraus erwächst ein Grundrecht, das dieses Buch entwickelt und begründet: die Musterautonomie, das Recht jedes Menschen, über die Schichten seiner Identität souverän zu bestimmen, sie zu schützen, zu verändern oder loszulassen. Nicht der Staat, nicht der Konzern, nicht die Familie, nicht ein künftiges Ich.

Ein Buch zwischen Genetik, Hirnforschung und Philosophie, nüchtern gegenüber den Versprechen der Technik und entschieden auf der Seite des Menschen. Für alle, die wissen wollen, was von einem Menschen bleibt, wenn sich alles an ihm messen, speichern und nachbilden lässt.

Ins Buch hineinlesen

Leseprobe: Einleitung · ca. 7 Min. Lesezeit

Im Frühjahr 2018 zahlte Sam Altman zehntausend Dollar an ein Unternehmen, das ihn töten wird.

Das ist keine Übertreibung. Es ist der Geschäftsplan einer Firma namens Nectome, gegründet von einem MIT-Absolventen, finanziert von Y Combinator, bezuschusst mit fast einer Million Dollar vom National Institute of Mental Health. Nectome verkauft eine Dienstleistung, die der Gründer Robert McIntyre selbst als “hundertprozent tödlich” bezeichnet. Der Patient wird an eine Maschine angeschlossen, die ihm bei vollem Bewusstsein einen Cocktail aus Konservierungschemikalien in die Halsschlagader pumpt. Während er stirbt, wird sein Gehirn auf der Stelle in einen glasartigen Zustand versetzt, in dem jede Synapse, jede neuronale Verbindung, das gesamte Konnektom für Jahrhunderte erhalten bleibt. Die Hoffnung ist, dass künftige Wissenschaftler diese eingefrorene Struktur eines Tages auslesen und in einen Computer übertragen. Dort, so der Gedanke, liesse sich das Bewusstsein des Toten wieder zum Leben erwecken.

Sam Altman, damals Präsident von Y Combinator, heute einer der mächtigsten Männer der Tech-Branche, sagte dem MIT Technology Review, er gehe davon aus, dass sein Gehirn noch zu seinen Lebzeiten in die Cloud hochgeladen werde. Fünfundzwanzig weitere Personen standen 2018 auf der Warteliste. Bis 2026 ist die Zahl gewachsen. In Berlin hat ein Unternehmen namens Tomorrow Biostasis die ersten erfolgreichen europäischen Vitrifikationen durchgeführt. In der Schweiz arbeitet eine Gruppe an einer rechtlichen Grundlage, die solche Verfahren legalisieren soll. Was 2018 noch wie ein makabrer Pitch aus einer Black-Mirror-Folge wirkte, ist 2026 ein funktionierender Markt.

Die meisten Diskussionen über Nectome drehen sich um zwei Fragen. Erstens, ob die Technik funktionieren wird. Zweitens, ob es ethisch ist, todkranken Menschen einen garantiert tödlichen Dienst zu verkaufen. Beide Fragen sind wichtig. Aber sie verfehlen das eigentliche Problem.

Die eigentliche Frage lautet: Was genau bewahrt Nectome, wenn das Verfahren wirklich funktionieren sollte? Ist es Sam Altman? Ist es ein Teil von ihm? Ist es ein Schatten? Wenn in zweihundert Jahren ein Computer eingeschaltet wird und sich für Sam Altman hält, ist das dann derselbe Mann, der heute zehntausend Dollar gezahlt hat? Oder ist es etwas Neues, dem niemand jemals gesagt hat, dass es nicht der ist, für den es sich hält?

Diese Frage hat noch nie jemand systematisch gestellt.

Die ungestellten Fragen

Die transhumanistische Literatur ist umfangreich. Ray Kurzweil hat über die Singularität geschrieben, Nick Bostrom über Superintelligenz, Max Tegmark über das Leben 3.0. Diese Autoren haben viele Fragen aufgeworfen, aber eine entscheidende übersehen, weil sie eine stillschweigende Annahme teilen. Sie sprechen von “dem Bewusstsein”, als wäre es eine Datei. Eine Einheit. Etwas, das man als Ganzes hochladen kann.

Das ist falsch. Der Mensch ist kein Bewusstsein, sondern viele. Er ist nicht ein Muster, sondern ein Verbund vieler paralleler Muster, die auf unterschiedlichen Substraten leben und unterschiedlich gut übertragbar sind. Sein kognitives Muster ist nicht dasselbe wie sein emotionales. Sein somatisches Muster ist nicht dasselbe wie sein narratives. Sein traumatisches Muster ist nicht dasselbe wie sein sprachliches. Wenn Nectome das Konnektom konserviert, konserviert es vielleicht eines dieser Muster, vielleicht zwei. Aber es konserviert nicht den Menschen.

Aus dieser Einsicht folgen Fragen, die so noch nicht gestellt wurden.

Was geschieht, wenn nur ausgewählte Schichten eines Menschen weitergetragen werden? Ist das Übertragene noch er, oder ein Fragment, das sich für ihn hält?

Wer trifft die Auswahl, und nach welchem Massstab? Sobald sie unter Marktbedingungen erfolgt, wird ein Markt bewahren, was sich verwerten lässt. Das kognitive Muster, weil es produktiv ist. Vielleicht das narrative, weil es vermarktbar ist. Aber das somatische? Das traumatische? Das existenzielle? Wer zahlt für das, was sich nicht auszahlt?

Was geschieht mit dem traumatischen Muster, wenn es übertragbar wird? Hat ein Mensch das Recht, sein Trauma zurückzulassen, wenn er konserviert wird? Hat er die Pflicht, es nicht weiterzugeben? Wer entscheidet, wenn er selbst es nicht mehr kann?

Lässt sich das existenzielle Muster überhaupt übertragen, jene Befindlichkeit gegenüber dem Sein, die Heidegger als Grund jeder Erfahrung beschrieb? Oder verschwindet sie genau im Akt der Übertragung, weil sie an die Endlichkeit selbst gebunden ist? Wenn ja, wäre digitale Unsterblichkeit ein Selbstwiderspruch. Sie würde zerstören, was sie bewahren will.

Und was geschieht mit dem politischen Begriff des Menschen, wenn Muster vervielfältigt, fragmentiert oder modifiziert werden können? Was bedeutet “eine Stimme, ein Mensch”, wenn drei Kopien meines kognitiven Musters parallel existieren? Hat jede eine Stimme? Hat keine? Hat nur das Original? Und was, wenn das Original gestorben ist?

Diese Fragen sind nicht akademisch. Sie sind die unausgesprochene Voraussetzung jedes Geschäftsmodells, das verspricht, einen Menschen über seinen Tod hinaus zu bewahren. Nectome stellt sie nicht. Die transhumanistische Literatur stellt sie nicht. Die Gesetzgeber stellen sie nicht. Dieses Buch stellt sie.

Was dieses Buch fragt

Die Leitfrage lautet: Wenn die Muster, aus denen ein Mensch besteht, vermessbar, lesbar und übertragbar werden, wer entscheidet, welche davon bleiben?

Die Antwort, die dieses Buch entwickelt, ist ein neues Grundrecht. Ich nenne es Musterautonomie. Es ist das Recht jedes Menschen, alle seine Schichten zu definieren, zu schützen und souverän darüber zu entscheiden, welche er bewahrt, modifiziert oder loslässt. Nicht der Staat. Nicht der Konzern. Nicht die Familie. Nicht das künftige Ich. Der Mensch selbst, im Vollbesitz seiner Pluralität.

Dieses Buch steht eigenständig. Wer Band 5 gelesen hat, wird die ältere Frage wiedererkennen: Dort ging es um das Recht, über den eigenen genetischen Code zu bestimmen, um die Souveränität über den Träger. Hier geht es um die Souveränität über das, was der Träger trägt. Beide Fragen sind dieselbe Frage, eine Stufe tiefer gestellt.

Wie dieses Buch aufgebaut ist

Das Buch hat drei Teile und einen Rahmen.

Der Rahmen besteht aus dem Prolog, den Sie gelesen haben, und dem Epilog am Schluss. Beide sind in der ersten Person geschrieben. Der Reisende, der vor dem Knopf zögert, ist die Verkörperung der Frage, die das Buch stellt. Der Epilog kehrt zu ihm zurück, wenn das Buch ihm Werkzeuge gegeben hat, mit denen er antworten kann.

Teil 1 vermisst das genetische Terrain. Was DNA kann, was sie nicht kann, welche Werkzeuge existieren, welche Vorbilder die Natur bereithält, was technisch nötig wäre, um quasi-Unsterblichkeit zu erreichen, und warum die DNA als Substrat und als Muster zugleich existiert.

Teil 2 kartographiert den Menschen. Die kognitive Schicht. Die narrative. Die somatische. Die emotionale. Die traumatische. Die sprachliche. Die existenzielle. Und ein Sammelkapitel für die weiteren Schichten, die mitlaufen, ohne im Mittelpunkt zu stehen.

Teil 3 entfaltet die politische Konsequenz. Was geschieht, wenn Mustererhaltung unter Marktbedingungen abläuft. Wie der Begriff der Musterautonomie aussehen muss. Was er für das lebende Stimmrecht bedeutet. Welche Verantwortung der Mensch trägt, der nicht mehr nur sich selbst verändert, sondern Leben erschafft.

Am Schluss steht ein Anhang. Er heisst “Was noch zu vermessen wäre” und versammelt jene Musterschichten, die nicht ins Hauptbuch gekommen sind. Er ist als Einladung gedacht, weiterzudenken.

Was dieses Buch nicht ist

Es ist kein Lehrbuch der Biotechnologie. Die technischen Details werden so weit erklärt, wie das Argument sie braucht, nicht weiter.

Es ist kein Buch über künstliche Intelligenz. KI kommt vor, weil sie die Werkzeuge baut, die die Frage aufwerfen. Aber die Frage selbst ist keine Frage an die Maschine. Sie ist eine Frage an den Menschen.

Es ist kein objektives Buch. Wer ein neutrales Buch sucht, soll ein anderes lesen. Dieses trägt die Spuren dessen, der es geschrieben hat. Ein Vater, dessen Sohn nicht spricht. Ein Sohn, dessen Mutter sich nicht mehr an alles erinnert. Ein Sohn, dessen Vater seit siebzig Jahren die Folgen einer Poliomyelitis trägt. Diese drei Konstellationen prägen das Buch, weil sie die Frage prägen, die es stellt. Wer einen Menschen liebt, dessen Muster sich auflösen, denkt anders über Mustererhaltung als jemand, der nur Konzepte bewegt.

Warum jetzt

Sam Altman ist heute einundvierzig Jahre alt. Wenn er weitere vierzig oder fünfzig Jahre lebt, sind das vierzig oder fünfzig Jahre, in denen die Werkzeuge reifen. Die Konnektom-Forschung wird genauer. Die Speichertechnik wird kleiner. Die Rechenleistung wird billiger. Ob seine zehntausend Dollar eine kluge Investition waren, wird sich nicht erst in zweihundert Jahren zeigen, sondern wahrscheinlich noch in diesem Jahrhundert.

Mit dieser Frage stellt sich eine zweite, die weit mehr Menschen betrifft als nur Sam Altman. Reift die Technik, wird sie Massengut. Was heute zehntausend Dollar kostet, kostet in fünfzig Jahren einen Bruchteil. Was heute eine Nische ist, wird zur Option für die Mittelschicht. Und damit wird die Frage, welche Muster bewahrt werden sollen und wer das entscheidet, zur politischen Frage einer ganzen Gesellschaft.

Dieses Buch ist ein Versuch, die Frage zu stellen, bevor die Werkzeuge sie für uns beantworten.

Der Reisende vor dem Knopf zögert nicht aus Schwäche. Er zögert, weil er weiss, dass die Entscheidung nicht einfach ist. Wir stehen an derselben Stelle. Auch vor uns liegt ein Knopf. Auch wir wissen nicht, was er auslöst. Auch wir müssen entscheiden, bevor jemand anderes es für uns tut.

Inhaltsverzeichnis
  • Kapitel 1: Substrat und Muster
  • Kapitel 2: Das gelesene Genom
  • Kapitel 3: Die zwölf Marker des Alterns
  • Kapitel 4: Die Werkzeuge des Eingriffs
  • Kapitel 5: Die Vorbilder der Natur
  • Kapitel 6: Die Architektur der quasi-Unsterblichkeit
  • Kapitel 7: Die DNA als Speicher
  • Kapitel 8: Der blinde Fleck der Transhumanisten
  • Kapitel 9: Das kognitive Muster
  • Kapitel 10: Das narrative Muster
  • Kapitel 11: Das somatische Muster
  • Kapitel 12: Das emotionale Muster
  • Kapitel 13: Das traumatische Muster
  • Kapitel 14: Das sprachliche Muster
  • Kapitel 15: Das existenzielle Muster
  • Kapitel 16: Die mitlaufenden Schichten
  • Kapitel 17: Die Ökonomie der Schichten
  • Kapitel 18: Musterautonomie
  • Kapitel 19: Die Stimme des fragmentierten Selbst
  • Kapitel 20: Vorfahre oder Demiurg

Auszug aus dem Buch, © Asterios Raptis.

Artikel zum Thema

Aufsätze des Autors auf Medium, die Gedanken aus diesem Buch aufgreifen.

Asterios Raptis

Über den Autor

Asterios Raptis ist Philosoph, Autor und Softwareentwickler an der Schnittstelle von Technologie und Metaphysik. In Deutschland geboren und mit griechischen Wurzeln aufgewachsen, verbindet er klassische Philosophie mit zeitgenössischer Wissenschaft und behandelt seine Quellen als Lieferanten von Datenpunkten, nicht als Autoritäten. Die Reihe Das unsterbliche Muster ist das Ergebnis einer langjährigen Auseinandersetzung mit der Frage, was bleibt, wenn alles andere vergeht. Seine Bücher entstehen in den Stunden, in denen die anderen schlafen.

Details

Autor
Asterios Raptis
Sprache
Deutsch
Formate
E-Book, Taschenbuch, Hardcover
Verlag
Conscious Path Publishing
ISBN Taschenbuch
9798183547795
ISBN Hardcover
9798183549218
ASIN E-Book
B0GZVYMF3H